Volltanken, bitte!

Energie der Freude

Von Yordany aus San Nicolás


Es waren zwei unendlich lange Jahre seit dem letzten Besuch unserer Solothurner und Solothurner. Zwei unendlich lange Jahre, in denen alles eine grosse Ungewissheit war und immer nur auf das eine Wort hinauslief - Covid-19 - das man täglich tausendmal hörte.


Freude und Spiritualität waren in diesen zwei letzten Jahren immer mehr in den Hintergrund getreten und hatten mehr und mehr an Bedeutung verloren.

Das Vakuum wurde durch Egoismus und das Interesse an materiellen Dingen gefüllt. Aber nicht nur in unseren Häusern, in unserer Nachbarschaft und in unserem Dorf.

Auch die Kirche erreichte es: Wo waren Spiritualität und Kraft geblieben? Wo war die Liebe geblieben: wo waren die Solidarität, das Vertrauen, der Glaube! wovon wir doch immer sprechen und singen?

Wir dachten nicht im Traum daran, dass wir uns mitten in dieser Krise im Februar sehen würden. Aber auf einmal hiess es: «Sie kommen. Die Daten stehen. Sie haben schon die Flugtickets.»


Und eine Stimme in meinem Kopf sagte: "Die sind ja verrückt, in so schwierigen Zeiten nach Kuba zu wollen".

Dann waren sie da! - Und ich konnte mich nicht aufraffen hinzugehen!

Schliesslich musste ich, denn ich hatte einen Workshop vorbreitet. Aber ich war zu spät. Schon mehrere Tage waren verstrichen.

Plötzlich stehst du da – als Neuling - und musst dich der ganzen Gruppe vorstellen. Du wirst nervös, kriegst den Mund nicht auf. Meine Präsentation lief schlecht.

Ich versuchte, mich in den Rhythmus der Gruppe einzufügen. Versuchte, jeden Namen zu lernen, aber schaffte es nicht gut genug für meine Ansprüche. Musste immer wieder nachfragen, um Hilfe bitten, war unruhig.


Es vergingen Tage, an denen ich mir kaum 15 Minuten Zeit nahm, um zu duschen und in Ruhe zu essen, und ich schlief nachts schlecht. Ich dachte immer an die Aktivitäten des nächsten Tages, weil ich den Gästen aus dem fernen Land doch ein gutes Gefühl geben wollte.

Und immer wieder diese Stimme in meinem Kopf:

«Ist das alles deine Sorgen und deine Mühe wert?

Wofür sammelst du all deine Energie und Kraft für sie, wo du sie doch so viel nötiger für dich selbst brauchst? Die gehen ja eh’ wieder weg nach diesen zwei Wochen.»

Und da ertappst du dich wieder: der egoistische Mensch, zu dem ich in den letzte zwei Jahren geworden war und der ich nie sein wollte.

Jeden Tag das Gleiche: das zögerliche "Hallo" bei der Ankunft, dieses Gemisch aus Spanisch, Englisch und Deutsch, von dem ich kein Wort verstand.


Bis ich merkte, dass ich im Herzen begann zu verstehen. Plötzlich hörte ich Lachen heraus. Und mit einem Mal traf mich die pure Freude. Sie war in jeder Ecke unserer Kirche.

Wir waren gerade am Proben eines Liedes – und plötzlich war ich von Emotionen überwältig.

Diesmal sagt die Stimme in meinem Kopf nur immer ein Wort: "Familie".

Zu Hause frage ich mich ernsthaft, warum diese Gruppe "fremder Gäste" gekommen ist. Ich schaue im Smartphone auf mein Programm und antworte mir selber: "Sie sind gekommen, um zu arbeiten. Da steht es schwarz auf weiss: zum Arbeiten".

Ich schalte das Smartphone aus und die Stimme in meinem Kopf sagt:

"Nein. Sie sind gekommen, um Freude zu verbreiten, um deine Seele neu zu beleben, um sie mit Hoffnung zu erfüllen, wo es vorher nur Probleme, Egoismus und Traurigkeit gab. Für dich und nicht nur für dich, schau dich um, schau in der Kirche und ausserhalb der Kirche".

Und plötzlich konnte ich sehen:

Überall dort, wo wir zusammengearbeitet hatten, wo wir uns ausgetauscht hatten, war ein Wunder geschehen: Denn überall dort, war die Seele und der Geist von uns allen berührt worden. Meine Seele war berührt worden. Sie waren nicht mehr "Fremde" oder "Gäste" für mich. Jetzt konnte man ich es richtig singen und laut sagen und es stimmte: "Wir sind eine FAMILIE" (Red.: bezieht sich auf das Lied Somos una familia en Dios / Wir sind eine Familie in Gott).


Ein führender Filmregisseur wurde in einem Interview gefragt, was er sich wünschen würde, wenn Gott ihm einen Wunsch erfüllen würde, worauf er antwortete:

"Ich möchte meinen Lieblingsfilm noch einmal sehen und all diese Emotionen noch einmal spüren".


Wenn Gott mir einen Wunsch gewähren würde, würde ich sofort darum bitten, diese zwei Wochen noch einmal erleben zu dürfen, nur dieses Mal würde ich früher kommen und pünktlich sein!

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