• Thess

Die Geschichten zu den Postkarten-Sujets



Sujet Colomina

Colomina (so wird er von allen genannt) bearbeitet den Garten vis-à-vis der Reformierten Kirche in San Nicolás auf Kuba. Er ist achtzigjährig, hager, und in einem beigen Arbeitskittel und mit Sombrero auf dem Kopf unterwegs.

Seine Augen sind hellwach, im Mund fehlen ihm ein paar Zähne, aber er spricht deutlich und gut verständlich. Er hat einen wachen Geist und weiss viel, auch über das Klima in Europa. Man sieht, dass er dem Garten grosse Sorge trägt. Das Terrain gehört zwar dem Staat, aber er bewirtschaftet es und verkauft Blumen, Gemüse und Kräuter.

Colomina freut sich, dass wir seinen Garten gründlich jäten und aufräumen, und er strahlt so viel Wärme und Freundlichkeit aus. Er bedankt sich mit einer Blume bei uns Frauen und ist sicher, dass wir uns irgendwann irgendwo wieder begegnen werden – denn schliesslich seien wir alle gleich und würden daher sicher auch alle denselben Weg gehen.



Sujet Zuckerrohrfeld

Umweltverschmutzung in seiner offensichtlichsten Form. Die Zuckerrohrfelder müssen abgebrannt werden, damit weiter bewirtschaftet wird.

Monokulturen sind Gift für nachhaltiges Leben, Wirtschaften und Regieren.

Während Kleinbauern Jahrhunderte altes Wissen wahren und auf ihren kleinen Äckern umsetzen, wird die Erde bei Agrarriesen bis zum geht nicht mehr ausgenutzt. Das Streben nach Profit und das Ausnützen der Natur zieht letztendlich aber auch irreversible Störungen der Ökologie nach sich.



Sujet Roberto y Andrea

Seit einer Stunde sitzen sie da. Roberto und Andrea in bequemer Kleidung auf der Stufe vor dem Haus. Es ist ein schwüler Tag. Wolken schieben sich immer wieder vor die Sonne, was die Hitze erdrückend wirken lässt. Nicht einmal die Hunde bewegen sich mehr als nötig. Roberta und Andrea jedoch sind sich diese Schwüle gewohnt. Sie sehen dem wenigen Getriebe auf der Strasse zu, hängen Gedanken in der Luft nach und saugen die Stille in ihre Geister ein. Beide sitzen sie einfach da. Niemand bemerkt, geschweige denn beachtet sie. Ein Detail, welches man erst vermisst, wenn es verschwunden ist.



Sujet Pastellgrünes Velo

Die junge Frau stellt das Velo ab und stürmt mit gelocktem Haar in das obere Stockwerk. Sie schnappt eine Stofftasche vom Bügel hinter der Türe, setzt eine Mütze auf und bindet eine leichte Jacke um die Hüfte. Bevor sie den Raum verlässt, schaut sie sich nochmals um. Die Läden sind zu; das Zimmer ist wegen der fehlenden Fenster dunkel. Nur zwischen den Holzpaletten schimmert ein wenig Sonnenlicht hindurch. Ihr Blick fällt auf das Buch auf dem kleinen Holztisch und sie packt es ein. Die junge Frau mit kastanienbraunem Haar und roter Bluse tänzelt die Treppe hinunter und schwingt sich auf das pastellgrüne Fahrrad vor dem Haus. Energiegeladen und voller Freude trampt sie in die Pedale Richtung Küste, um ihrer Tante die lang ersehnte Nachricht zu überbringen.



Sujet Maria

Maria ist 63 Jahre alt. Ihr Mann schon seit 30 Jahre tot. Als junge Witwe hat sie ihre Tochter alleine grossgezogen, daneben auf dem Feld gearbeitet. In ihrem Leben ist sie nie weiter als bis ins Nachbarsdorf gekommen. Während sie sich am Türrahmen festhält, beobachtet sie das Treiben der jungen Leute, die ihren Garten von Abfall befreien. Mit neugierigen Augen und wachsamen Blick verfolgt sie jeden Schritt der Helfer und Helferinnen und dirigiert mit der freien Hand das Arbeiten an. Eine Frau, die ihr Leben lang für das Überleben ihrer Familie kämpfe, inzwischen gar nicht mehr mobil und geschwächt, strahlt weiterhin Achtung, Dankbarkeit und Freude für ihre Mitmenschen aus.



Sujet Rosario


Mit erhobener Hand steht er auf dem Dach. Rosario in Shorts, kurzgeschorenes Haar, eine Schnur in der Hand, an der ein Drachen im Wind flattert. Der junge Mann ist gerade von der Arbeit zurückgekommen, den ganzen Tag in brütender Hitze, um eine lehmartige Masse zu mischen, umzurühren und auf die Mauer aufzutragen. Jetzt, wo die Sonne den Horizont Gutenacht küsst, steht Rosario neben dem Wassertank auf dem Dach und lässt den Wind seinen Körper umkreisen, während der Drache munter in der Abendluft flattert. Es ist zu einem Ritual geworden, seit der junge Mann als Kind den fliegenden Körper mit Schwanz gemeinsam mit seinem Grossvater gebastelt hat. Inzwischen sind einige Bewohner des Dorfes seinem Beispiel gefolgt. An den unterschiedlichsten Ecken im Dorf steigen beim Eindämmern zum Gruss bunte Drachen in die Lüfte. Ein weiterer Tag voller Leichtigkeit und Zufriedenheit neigt sich dem Ende zu.

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