Was bedeutet Gemeinschaft?

1. März 2020 – Gottesdienst mit Reiserückblick zum Thema: "Was macht Gemeinschaft aus?" - Gedanken zum Römerbrief 12 und 1. Korintherbrief 12


Meret

«Viele verschiedene Glieder – und doch ein Ganzes.»

Wenn Paulus schreibt: „Solche Gemeinschaft habe ich nun vielfach erfahren dürfen und vielfach geschenkt bekommen“ – dann spricht mir das aus dem Herzen. Denn ich habe das im Februar in Kuba so erfahren. Das, worüber ich in Kuba am meisten gelernt habe, ist Gemeinschaft.

Irgendwie hat „Gemeinschaft“ in Kuba eine grössere Bedeutung als bei uns, jedenfalls eine grosse Bedeutung! Und es war das schönste Gefühl, gleich Teil einer schon bestehenden Gemeinschaft zu werden. Ich habe mich sehr schnell aufgehoben und willkommen gefühlt, obwohl ich ja noch niemanden kannte.

Wenn Paulus schreibt „ich möchte euch gerne allen die Gemeinschaft ans Herz legen“, dann möchte ich das gerne mehr beherzigen, weil ich nun so stark erlebt habe, wie sich das anfühlt: Teil eines Ganzen zu sein, Teil einer guten Gemeinschaft zu sein. Eine Gruppe, die sich verbunden weiss und in der man füreinander da ist, kann alles bedeuten. Man muss in einer Gruppe nicht alle gleich gut kennen, man muss nicht einmal alle persönlich kennen. Ja, Menschen innerhalb einer Gruppe können sogar sehr unterschiedlich sein! Man kann sich ja ergänzen. Und man muss nicht einmal dieselbe Sprache sprechen. Solange man sich respektiert und sich akzeptiert, wie man ist, funktioniert es!

Lara

Mir ging es ähnlich wie Meret.

Es ist unglaublich gewesen: Praktisch sofort ab der ersten Minute habe ich mich, als ich in San Nicolas ankam, wie zu Hause gefühlt. So etwas habe ich vorher noch nie erlebt. Nach einem Tag waren wir, als ob wir uns schon sehr lange kennen.

«Jeder wird akzeptiert wie er ist, alle sind füreinander da.»

Das müssen keine schönen Worte sein, das kann man wirklich leben. Beim Sport habe ich besonders gemerkt, wie stark der Gruppenzusammenhalt war. Zum Beispiel beim Fussball: da haben sich die gegnerischen Gruppen gegenseitig angefeuert, obwohl wir ja eigentlich gegeneinander spielten.

«Alle für jeden – und jede für alle.» So hat sich das für mich 2 Wochen lang angefühlt.

Natürlich gibt es in San Nicolas auch Konflikte, und wenn wir länger zusammen wären, würde es wohl auch mal Streit geben. Aber ich habe mich auf ein Grundgefühl verlassen können, das ich vorher noch so stark erfahren habe: Das Gefühl «geliebt» zu sein.

Ich stimme Paulus zu: ich bin nicht ein Segen für eine Gemeinschaft, wenn ich selbst besonders stark, toll und beliebt bin. Es ist ein Segen für eine Gemeinschaft, wenn wir uns gegenseitig so wertschätzen, wie wir sind – und es einander auch sagen und zeigen!

„Geschwisterliche Liebe ist geprägt von Herzlichkeit und Wertschätzung“, sagt Paulus. Ich stimme ihm zu. Ich wünsche mir, dass wir das auch in der Schweiz mehr füreinander spürbar machen, wenn wir jemanden gerne haben und was wir am anderen schätzen. Es ist nicht so schwer, das auszusprechen – und bewirkt so viel!

Janik

Wir haben bei unserer Projektreise ja auch viel zusammen gearbeitet: Häuser von alleinstehenden Menschen geputzt, von Menschen ohne Familie oder mit besonderen Einschränkungen.

Kubaner*innen und Schweizer*innen gehen normalerweise unterschiedlich ans Werk. Wir eher geplant - sie eher spontan – und das müssen sie auch, denn oft stellt sich erst im letzten Augenblick heraus, dass etwas fehlt oder etwas nicht klappt: ein Material ist nicht aufzutreiben oder ein Transport fällt aus … Das prägt. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, dass wir als Kubaner*innen und Schweizer*innen als Team zusammengearbeitet haben. Ich war darüber sehr überrascht. Nicht nur, dass wir von der Kultur her so unterschiedlich sind, auch mit der Sprache war es für mich nicht einfach, da ich noch kaum Spanisch kann! Trotzdem empfand ich unsere gemeinsame Arbeitsequipe schon nach einer Woche wie ein eingespieltes Team.

Wie kann sich unter solchen Umständen in so kurzer Zeit eine so starke Beziehung aufbauen?

Vielleicht lag es auch daran, dass wir nicht nur unseren Kopf eingesetzt haben, sondern unseren ganzen Körper. Paulus sagt, dass eine Gemeinschaft symbolisch wie ein Körper ist – aber unser Körper ist auch ein Mittel, Gemeinschaft entstehen zu lassen: gemeinsam etwas tragen, sich mit der Hand etwas zeigen, gemeinsam Sport machen, nebeneinander laufen, sich zu winken, sich anlächeln und sich täglich einmal in den Arm nehmen: als Morgengruss, als Hallo, aus Freude, um sich zu trösten, um Wertschätzung zu zeigen.

Das hat mir gefallen. Und das möchte ich auch in der Schweiz mehr tun.

Beatrice

Was mir aufgefallen ist:

In Kuba wird Gemeinschaft viel stärker generationenübergreifend gelebt, man bewegt sich viel weniger nur im eigenen Alterskreis. Das tut gut, es hält lebendig. Denn man nimmt mehr Anteil, an dem, was jemanden bewegt, der noch viel jünger ist oder schon einiges älter. Auch dass Menschen, die eine Beeinträchtigung haben, oder für die es wohl nicht immer ganz einfach ist in der Gesellschaft, so selbstverständlich einen Platz haben, ist mir aufgefallen.

Und noch etwas bewegt mich:

In Kuba ist die Kirche natürlich auch der Ort, wo Gottesdienst gefeiert wird. Aber es ist mir viel stärker bewusst geworden, dass Kirche nicht nur Sonntagskirche, sondern auch Alltagskirche: In San Nicolas trifft man sich auch unter der Woche im Hof der Kirche, und zu fast jeder Tageszeit kann man sich im Garten treffen. Am Mittwoch kann man in der Kirche seine Wäsche waschen, wenn man keine Waschmaschine hat. Bei der Pastora Rat holen. Oder um ganz konkrete Hilfe bitten, zum Beispiel um ein Werkzeug aus dem Fundus, um ein T-Shirt oder um ein Medikament.

Ist das bei uns auch so? - habe ich mich gefragt. Meine ich nur, bei uns gäbe es nur sonntags Kirche? Oder fehlt uns diese Form Kirche im Alltag tatsächlich?

Jedenfalls: Der Ort Kirche als Treffpunkt für die Gemeinschaft – das hat mir sehr gefallen. Es ist schön, wenn in der Kirche Offenheit und Gastfreundschaft keine leeren Floskeln sind, sondern dies werden gelebt wird.

Alexandra

Seit 10 Jahren gehe ich mit jungen Menschen nach Kuba.

Es ist durchaus eine Herausforderung, mit einer Gruppe so weit weg zu reisen und auch noch in ein Gebiet, das vom Tourismus nicht erschlossen ist.

Ich tue es, und wage es immer wieder, weil ich genau auf das vertraue, von dem diese jungen Menschen gerade erzählt haben.

Nach 10 Jahren weiss ich, dass es hinter der Begeisterung und Wetzschätzung auch vieles gibt, was schwierig ist und für sie als kirchliche Gemeinschaft schwer auszuhalten und zu tragen. Und auch gemeinsame Konflikte und Krisen haben wir schon ausgestanden und überstanden. Ohne Arbeit, Kraftaufwand und Energie funktioniert diese kulturverbindende Gemeinschaft nicht.

Mir gefällt das Bild vom Leib mit den vielen Glieder, das Paulus gebraucht. Eines deutet er nur an, er sagt es, aber man muss es hören: er sagt „eine Gemeinschaft in dem einen Geiste“. Jeder Körper braucht ein Herz, damit er lebt: einen Pulsschlag, der alle Glieder immer wieder mit Kraft und Energie versorgt. Ohne ein schlagendes Herz geht es nicht. Ich frage mich immer wieder: was ist es, was verbindet und gibt uns diese Energie?

Die vergangenen 10 Jahre Projektpartnerschaft haben mich in meinem Gottesbild verändert und geprägt: Gott, den göttlichen Geist, göttliche Kraft: sie erfahre ich zunehmend als diesen Pulsschlag, das Herz meines Lebens, diese Energie, diese Kraft, die in mir lebendig ist – aber ebenso als die Kraft, die uns Menschen verbindet, zusammenhält: uns begeistert, immer wieder neu anfangen lässt, hoffen, versuchen, nicht aufgeben lässt. Für dieses Geschenk, diese Kraft, bin ich - je älter ich werde immer mehr - zutiefst dankbar.



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