Geburtstagsfest: 110 Jahre
- Alexandra Flury-Schölch

- 11. Juli
- 5 Min. Lesezeit
110 Jahre Presbyterianisch-reformierte Kirchgemeinde San Nicolás de Bari.




Der Kirchengeburtstag Ende April wird in unserer Partnerkirche San Nicolás immer gross gefeiert. Die Kirchgemeinde wurde 1916 gegründet, ist also noch recht jung – aber auch älter als der Kirchenbau der Stadtkirche Solothurn.
Aber: Ist Kuba nicht römisch-katholisch? Oder atheistisch?
Wie kam die protestantische Kirche nach Kuba?
Die Spanier brachten den römisch-katholischen Glauben mit; die versklavten Menschen auf den Zuckerrohrplantagen ihre westafrikanischen Religionen, viele waren Yoruba aus dem heutigen Nigeria.
Nachdem Kuba 1902 die Unabhängigkeit von Spanien erkämpft hatte und gleichzeitig in eine neue politische und wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA gerieten,, kamen aus den USA auch zahlreiche protestantische Missionare verschiedener evangelischer Kirchen und gründeten presbyterianisch(-reformierte), methodistische, baptistische, anglikanische Kirchgemeinden, oft zusammen mit Bildungseinrichtungen.
Die neugegründeten protestantischen Kirchgemeinden in Kuba standen in enger Bindung zu ihren Gründerkirchen in den USA – in der Organisation, in der Liturgie, in der Theologie - und auch in einer finanziellen Abhängigkeit.
Das hatte ambivalente Folgen. Der Protestantismus wurde mit der neuen politisch-wirtschaftlichen Dominanz der USA in Verbindung gebracht. Entsprechend wurde „protestantisch werden“ in Verbindung gebracht mit elitär, neuer Oberschicht, Weiss-Sein und gesellschaftlichem Aufstieg; „protestantisch“ galt als aufgeklärt, modern, gebildet und war entsprechend attraktiv. Gleichzeitig stiess der Protestantismus auch auf Ablehnung in der kubanischen Gesellschaft, weil mensch den Einfluss der USA kritisierte und damit einen Einfluss der USA via die die protestantischen Kirchen. Vielen galt nach wie vor römisch-katholisch als kubanisch, zumal wenn verbunden mit den afrokubanischen Religionen und Orishas. Protestantisch blieb „gringo": fremd. Die protestantischen Kirchen wuchsen, aber sie wuchsen langsam.
Die römisch-katholische Kirche wurde trotzdem nicht zur Volkskirche, sondern war ebenfalls verbunden mit der Oberschicht, mit der alten wirtschaftlichen und politischen Elite. Die Priester gingen nur selten Konflikte mit den katholischen Grossgrundbesitzern wegen der Situation der armen Arbeiterschicht ein.
Ob protestantisch oder römisch-katholisch: die Kirche war mit ihren Bildungseinrichtungen dort angesiedelt, wo die Infrastruktur und die Lebensbedingungen bequemer waren: in den Städten. Die Menschen auf dem Land waren kirchlich und seelsorglich vernachlässigt. Vor der Revolution gingen etwa 4,5 % der Bevölkerung sonntags zur Kirche. Es gab nur sehr wenige kubanische Pfarrpersonen, über 80% kamen aus dem Ausland (z.B. aus Spanien, Italien oder aus den USA).
In den 50er Jahren (also kurz vor der Revolution) gehörten etwa 7 % der Kubaner*innen der römisch-katholischen Kirche an, 6 % waren protestantisch. Die übrigen 4% verteilten sich nach eigenen Angaben mit 1% auf die jüdische Gemeinde oder zählten sich als Freimaurer, als Anhängern eines Spiritismus und einer afrokubanischen Religion wie der Santería oder religionslos. Die Zugehörigkeit zu afrokubanischen Religionspraktiken war aber bedeutend höher; viele Mitglieder der römisch-katholischen Kirche praktizierten auch die Santeria, nur eben nicht offen.
Der Sieg der Revolution am 1. Januar 1959 brachte Veränderung für die Kirchen. Obwohl der Sieg von der Mehrzahl der Christinnen und Christen und auch der Prieser und Pfarrpersonen begrüsst wurde wie von den meisten Kubaner*innen.
Opposition – Rückzug ins Innere - oder Exil?
Als die sozialistische Regierung den Weg einer kommunistisch gefärbten Diktatur einschlug ging die römisch-katholische Kirche in die Opposition. Mit Protesten im Jahr 1960 wurde Christsein pauschal mit konterrevolutionär gleichgesetzt und umgekehrt Revolutionär = Atheist. Schon 1961 wurde ein Regierungsdepartement für religiöse Angelegenheiten eingesetzt, deren Aufgabe es war, die Religionsgemeinschaften und Kirchen zu kontrollieren. Die Verfassung von 1976 erklärte Kuba zum atheistischen Staat.
Dies alles bedeutete: Karriere machen wurde schwierig für Christen und Christinnen. Das (Wunsch-)Studium wurde abhängig vom Bekenntnis; Leitungspositionen blieben Christen verwehrt; den Kirchen und Religionsgemeinschaften wurden Beschränkungen für alles auferlegt, was sie öffentlich sichtbar machte... Zwar wurden die Kirchen nicht enteignet oder geschlossen, aber verzögerte Baubewilligungen führten zum Zerfall, der zum Mitgliederschwund noch hinzukam. Ein Einschnitt war auch die Enteignung der katholischen Schulen im Jahr 1961. Zahlreiche Priester, Ordensschwestern und -brüder, vor allem die in Schulen gearbeitet hatten, verliessen das Land ins Exil, freiwillig oder erzwungenermassen. Erst in den 80er Jahren entspannte sich das Verhältnis zwischen Staat und (katholischer) Kirche.
Rundherum Befreiungstheologie – nicht in Kuba
Während im umliegenden Südamerika die Befreiungstheologie aufblühte, konzentrierte sich die kubanischen Kirche nach innen: auf Gottesdienste, auf die Sakramente. Alles, was mit Diakonie und sozialem Engagement zu tun hatte, durfte nicht sein, da es ja nach aussen sichtbar geworden wäre. Ausserdem: das Soziale war ja das, was der sozialistische Staat für sich in Anspruch nahm. Er sah die Forderungen der Befreiungstheologie verwirklicht. Während die Theologen aus Kuba eine Romantisierung der sozialen kirchlichen Bewegungen in Lateinamerika und in Europa als blind gegenüber dem realexistierenden Sozialismus kritisierten.
Der dritte Weg der protestantischen Kirchen
Die protestantischen Kirchen entschieden sich weder für die Opposition noch für den Rückzug ins Innere oder für das Exil. Sie entschieden sich für den sogenannten dritten Weg, der am Seminar für Theologie in Matanzas (SET) geprägt wurde. (Das Seminar, das die Reisegruppe im Februar 2026 besuchte).
Federführend war der presbyterianische Pfarrer Sergio Arce, der Dozent am Seminar war. Er prägte den Weg: „Kirche im Sozialismus". Die protestantischen Kirchen suchten den Dialog mit dem Staat. Ein Grund dafür – ganz praktische betrachtet – war, dass die protestantischen Kirchen viel kleiner und schwächer waren und weniger internationalen Rückhalt hatten, wie die katholische Kirche aus Rom. Die Dualität ,,regimekritische Katholiken" und „systemkonforme Protestanten" trifft es aber nicht: beiderseits gab es sowohl Widerstand wie ein Sich-Arrangieren. In allen Kirchen fanden sich Spitzel für den Geheimdienst als auch mutige Worte. Seit 1995 gibt es den ökumenischen Kirchenrat Kubas (Consejo de las lglesias de Cuba, CIC), offiziell die Zusammenarbeit mit dem Staat regelt.
Die 90er Jahre
Bei der Volkszählung 1990 hatten sich nur noch 50% der Einwohner als konfessionslos erklärt, knapp 40 % gaben an, katholisch zu sein, 6,4 % Atheisten und 2,5 % protestantisch. Seit Beginn der 1990er Jahre wachsen die evangelischen Kirchen, und zwar sowohl die schon seit Beginn des Jahrhunderts vertretenen Konfessionen als auch die neuen Pfingstkirchen.
Ein Grund dafür war die politische und wirtschaftliche Krise infolge der Rückwirkungen der sowjetischen Perestroika. Sowohl im Blick auf die Suche nach alternativen Glaubens- und Lebenskonzepten, sehr konkret aber das soziale Engagement der Kirchen gabe Menschen in der Krise Halt. Waren die Kirchen bis dahin stark durch Senior*innen geprägt, kamen nun neu jüngere Menschen in die Kirchen: die Sunntgschuel wurde ein beliebtes Alternativangebot für das Dorf oder das Quartier.
Entsprechend lockerte die Regierung ihre Kirchenpolitik. Nach einer Verfassungsänderung 1992 bezeichnete Kuba sich nicht mehr als atheistischen, sondern als säkularen Staat. 1998 besuchte Johannes Paul II. - als erster Papst- Kuba, was der katholischen Kirche Auftrieb gab. In Prozessionen trugen sie wieder das Bild der Patronin Kubas, der ,,Virgen de la Caridad" von Cobre durch Dörfer und Städte. Nach der Abreise des Papstes kam es zu weiteren Zugeständnissen wie etwa das 1998 genehmigte Besuchsrecht für Pfarrpersonen in Gefängnissen.
Seelsorge und die diakonische Arbeit an der Basis ist kennzeichnend für die Kirchen in Kuba; sie integriert auch Nichtmitglieder: Suppenessen, Frühstück für Bedürftige, Altersbetreuung, Waschmaschinen zur Benutzung, Kinder- und Jugendprogramm. Ihr Kernbereich: die Unterstützung von Bedürftigen und Hochbetagten, egal welcher Konfession, oder anders gesagt: Senior*innen, Kinder, Häftlinge, Frauen. Die Kirchen bieten materielle und medizinische Hilfe oder bringt Projekte in Gang, Menschen in sehr prekären Situationen Erleichterung geben. Auch Weiterbildungskurse gehören dazu: Englisch, Betriebswirtschaft, Computernutzung.
Die Kirchen übernehmen also sehr stark soziale Aufgaben und schliessen damit manche Lücke. Der Staat lässt die Kirchen gewähren, da er diese Lücken nicht selbst füllen kann. Solange die Bindung der protestantischen Kirchen zu ihren Partnerkirchen nicht zu stark wird und keine politischen Fenster für USA-Einflussnahme öffnet. Nicht alle sind glücklich mit der Annährung zwischen Staat und Kirche. Ihr Dialog wird von Kritiker*innen, vor allem Exilkubaner*innen, zweifeln beobachtet mit dem Vorwurf, dass sich die Kirchen für die strategischen Ziele des Staates einspannen liessen.
Heute in der aktuellen Krise sind die Kirchen nochmals mehr mit Essen verteilen und Angebote der Lebensfreude und Zusammenkunft stark aktiv. Partnerkirchen in den USA, in Kanada oder Europa unterstützen diese Arbeit. Together Weltweit mit der Reformierten Kirchgemeinde Solothurn und dem Bezirk Solothurn sind Teil dieses Netzwerkes.


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