Día tres



Die Mutter: ein Messi der Klasse 1A. Sie sammelt Schuhe, züchtet eine Plastikdeponie in ihrem Haus, besitzt keine Seife.

Die Kinder: Desorganisierter Beziehungsstil, jeder könnte die Mutter sein, sich einfach ans Bein klammern.

Man weiss nicht wo anfangen. Ich schliesse die Augen und hoffe beim Öffnen bessere Zustände vorzufinden.

Wir haben heute unser erster Arbeitstag.

Das Haus: 3 Räume, 1 Bett? (eher ein Gestell mit einem Tuch darüber). Brot im Bett, Brot am Boden, Fliegen in Schwärmen, Gestank zum Ablöschen.

Die Küche: improvisierte Herdplatte, überall Essen und Dreck. Hier fange ich an. Mit

Mundschutz und Handschuhen. Wir tragen die Sachen auf der Ablage nach draussen in den

Hinterhof. Dieser sieht schön ordentlich aus. Gehört auch nicht der Familie wie wir später erfahren.

Die Mutter schreit. Sie trägt die Schüsseln, welche wir hinaustragen, wieder zurück in die Küche. Wir fangen an zu diskutieren. «Ja, sicher, wir stellen alles wieder zurück.» Aber zuerst wird alles gewaschen. Der Herd hat buchstäblich 3cm Schichten Dreck aus Reis, Öl, Fett, Zwiebelschalen und sonstiger schwarzer Kruste an sich. Mit einem Stein versuchen wird das gröbste abzukratzen. Erfolglos. Eine Spachtel kommt zu Hilfe. Wir versuchen die Sachen unter der Ablagefläche auszuräumen. Jetzt brüllt die Mutter. Sie wird wütend. Kein Wunder, denn hinter den aneinandergereihten Flaschen befindet sich die Meerschweinchen-Zucht. Ab in eine Kiste mit dem Tier. Und raus. Bald wird es gegessen. Die Kacke klebt am Boden. Wir spülen Wasser darüber. Eine tote Ratte wird hervorgespült. Nicht mal Tiere überleben hier. Wie können denn Kinder überleben? 4 und 5 Jahren und ständig ein Lächeln im Gesicht. Die Mutter schreit sie an. Dann fertigt sie ihnen eine Milch.

Breakfast-Time.

Draussen wird gemalt, drinnen geputzt und Licht installiert. Fiat Lux!

Kurz vor Weihnachten haben die Jugendlichen von San Nicolas das Haus geräumt. 3

Container voll Müll wurden entsorgt. In den 6 Wochen haben sich wieder ein ganzes Zimmer voll angesammelt. Die Mutter holt die Säcke auf der Mülldeponie. Vielleicht findet sie in ihnen eine gewisse Sicherheit. Schuhe findet sie auf jeden Fall viele. Unmengen! Versucht sie damit den Boden unter den Füssen zu behalten? Halt? Hatte sie jemals sowas erfahren? Und die Kinder? An was halten sie sich?

Auf die Frage, wann sie das letzte Mal geduscht haben, kennen sie keine Antwort. «Mi Mamá no se baña.» «Meine Mama duscht nicht», sagt die Jüngere. Mehrmals wird mir schwindlig vom Geruch nach verrottetem Essen, Kacke und Kleider, die sich wie Karton anfühlen. Ich gehe raus. Luft, endlich! Auf der Veranda spiele ich mit dem Mädchen. Wir tragen Schutzbrillen und schwimmen im Meer, um rosa Fische zu fangen. Auf einem Feuer braten wir die Fische und essen sie dann. Was für eine Imagination! Feuer aus gelben und orangen Handschuhen, Fische sind die rosa Kinderschuhe, der Besen dient als Stock zum braten. Doch irgendwie will ich zurück von unserer Oase und weiterhelfen. Die Kleidersäcke werden sortiert, jemand lenkt die Mutter ab und ein weiterer Sack wird an ihr vorbeigeschmuggelt und entsorgt. Die Mutter erscheint mir jetzt mehr wie ein Kind. Sie schreit, wenn sie nicht einverstanden ist, lacht ab meinem Dialekt und zeigt ab und zu ein wenig Scham, wenn ihr jemand die Leviten liesst. Am schlimmsten reagiert sie, wenn wir die Sachen ihres Ehemannes entsorgen wollen.

Der Ehemann/Vater: abwesend, sammelt Zeitungen. Anhand der Bierflaschen und

Alkoholreste lässt sich schliessen, dass er damit seinen Tag verbringt. Ob er in der Nacht auch in dem kleinen Bett mit seiner Familie schläft, kann ich mir schwer vorstellen. Auftauchen tut

er zum Glück nicht.


Irgendwann ist der meiste Müll entsorgt, die Wände gestrichen, Glühbirnen installiert und ein neues Bett bezogen. Das Haus sieht besser aus. Aber ehrlich gesagt, immer noch in widrigem Zustand. Draussen essen die Hunde die vergammelten Essensreste während wir vor Erschöpfung vor dem Haus sitzen und die Kinder unsere Haare zöpfeln.

Konnten wir helfen? Ist die Lage aussichtslos, wenn die Mutter weiterhin Müll ansammelt?

Werden heute Nacht wirklich die Kinder im neuen, einzigen Bett schlafen?

Jetzt 7 Stunden später haben wir uns erholt. Sport am Abend half die Wut und

Aussichtslosigkeit rausschwitzen. Wir behalten unseren Humor und Freude am Leben.


Nina Graf

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